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Geburt, Jagd und Krieg in steinzeitlichen Fels- ritzungen
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hellblauPix.jpg (477 bytes) Geburt, Jagd und Krieg in steinzeitlichen Felsritzungen

Auf der ganzen Welt lassen sich abstrakte Zeichen in Felsritzungen aus der Steinzeit oder späteren Epochen entdecken. Einige Grundelemente dieser Zeichensysteme lassen sich später auch in den ersten Schriftsystemen finden. Ursprünglich werden diese Zeichen aber keine Bedeutung als Buchstaben gehabt haben, sondern sollten Kennzeichen sein für bestimmte Objekte, komplexe Verhaltensweisen oder Gedankenvorstellungen. Ich möchte im folgenden zuerst zeigen das sich früheste Felsgravuren mit einem Geburtsthema verbinden lassen. Anhand einiger jüngerer Felsbilder wird dann auf einen Zusammenhang zwischen dem Themenkomplex Jagd/Krieg und der Geburt hingewiesen. 
In prähistorischen Kultäußerungen ist immer wieder das Phänomen der Näpfchen oder Becherabdrücke zu beobachten. Das sind im allgemeinen kleine runde Vertiefungen mit einem durchschnittlichen Umfang von 4-6cm die in Felswände oder spezielle Schalensteine geschlagen wurden. Obwohl die Diskussion in der Prähistorik noch nicht als abgeschlossen gelten kann, von welchem exakten Zeitpunkt an die Menschen ihren Gedanken durch Kunstobjekte Ausdruck verliehen haben, kann doch behauptet werden das sich das Motiv der Näpfchen sowohl in den frühesten Fundstätten, als auch in allen folgenden Perioden finden läßt. Die Ausführung dieser Vertiefung hat über Jahrtausende bei unterschiedlichsten Kulturgruppen keine auffälligen Veränderungen erfahren. Trotzdem halte ich es nicht für zwingend notwendig, das allen Näpfchen bei ihrer Herstellung eine gleichartige Symbolbedeutung zugedacht war. Wohlmöglich sollte in einigen Fällen nicht vorrangig geistigen Inhalte vermittelt werden. Diese einfache Form der Felsgestaltungen könnte auch unbeabsichtigte durch den Gebrauch von Schlagwerkzeugen entstanden sein oder sollte als Reviermarkierungen oder als Lockfutterbehälter bei der Jagd dienen. 
Interessanterweise lassen sich diese Becherabdrücke wiederholt in Bezug zu Geburts- oder Fruchtbarkeitsriten setzen. Bei den Pomo-Indianern in Nordamerika wurden Näpfchen oder Rillen in einen Baby-Stein geritzt, der gegen Unfruchtbarkeit wirken sollte. In der Bretagne und Normandie sollen Bäuerinnen, denen der Nachwuchs versagt blieb, Butter oder Honig in Schalengruben gestrichen haben, um durch dieses Opfer ein Kind zu bekommen. In Deutschland war der Volksglaube um die Näpfchen so tief eingewurzelt, daß sogar die christlichen Kirchen darauf Rücksicht nahmen. Beim Bau der St. Gotthardskirche zu Brandenburg wurden eigens zwei Sandsteinquader in das Portalgewände gefügt, an denen die Bevölkerung Näpfchen und Rillen auswetzen konnte. Der Steinstaub aus solchen Schalen sollte ein Mittel sein, das jungen Eheleuten Kindersegen sicherte. Die Schalengruben vieler Steinflächen auf Hawaii, die man dort Piko-Löcher nennt, hängen eng mit der menschlichen Geburt zusammen. In ihnen wurden Teile der Nabelschnur von Neugeborenen als Opfergabe deponiert, um den Wunsch für ein langes Leben des Kindes auszudrücken. 
Die frühesten Felsritzungen, bei denen abstrakte Punkte und Linien zweifellos einen Sinngehalt erkennen lassen, sollen den weiblichen Unterleib wiedergeben. Diese Vulvaporträts sind vielfach von Becherabdrücken umgeben und vereinzelt wird dabei auch der Gebärmuttermund durch ein Näpfchen symbolisiert. Das Vulvamotiv ist eine gezielte naturverbundene Wiedergabe von Objekten und möglicherweise war früher auch schon allein stehenden Näpfchen dieser Sinngehalt zu gedacht. Sowohl die Gewinnung von Steinmehl als auch die abstrakte Darstellung einer Vulva durch ein Näpfchen kann dabei zu den sogenannten Schalensteinen geführt haben, die sich auf allen bewohnten Kontinenten finden lassen. In Pommern galten Schalensteine als "Schwanenstein" oder "Adebarstein", in der Schweiz hieß es, daß die kleinen Kinder von den Schalen herkommen. 
In ihrer Form und Grösse ähneln diese Steine oft Felsbrocken die in Teilen von Afrika heute noch von Frauen während der Wehen benutzt werden um durch einen wiederhohlten Stellungswechsel des Körpers den Geburtsverlauf positiv zu beeinflussen. Schalensteine könnten in frühen Kulturen die gleiche Funktion gehabt haben. Falls an einem Stein wiederholt leichte und glückliche Geburten statt fanden, könnte die Bevölkerung danach den Stein als besonders hilfreich empfunden haben. Ein Glaube das sich hilfreiche magische Kräfte in dem Stein befinden würde einen Erklärungsansatz liefern, warum wiederholt Steinmehl aus ihm heraus geschlagen wurde. Die Becherabdrücke könnten aber auch als Dankeszeichen für eine gute Geburt gedient haben. 
Genau wie die Vulvazeichen lassen sich auch die ersten räumlich geformten Darstellungen des menschlichen Körpers, sogenannte Venus-Statuen mit dem Themenkomplex der Geburt in Zusammenhang bringen. Bei diesen kleinen Handfiguren werden besonders die Brust, der Bauch- und Unterleibbereich von schwangeren Frauen dargestellt. In all diesen steinzeitlichen Objekten werden die porträtierten Frauenkörper offensichtlich von außen betrachtet. 
Eine psychohistorische Betrachtung steinzeitlicher Kulturäußerungen, die sich an Lloyd deMause orientiert, dürfte allerdings verstärkt die Wiedergabe von vorgeburtlichen Wahrnehmungen, auch visueller Art, erwarten. In den "Grundlagen der Psychohistorie" erläutert deMause ein Modell nach dem sich pränatale Wahrnehmungen in den rituellen Handlungen aller Kulturen wiederfinden lassen. Das "fötale Drama" bezeichnet dabei eine Abfolge von vier komplexen Grundzuständen, die vom Fötus universell erlebt werden und aus denen sich später die Hauptszenarien für Gefühlsausbrüche ableiten lassen, die in Ritualen wiederaufgeführt werden. Sie lassen sich als Zustände der "ernährenden Placenta", "vergiftende Placenta", "kosmischer Überlebenskampf" während der Geburt und anschließender "Befreiung" bezeichnen. Er erwähnt in dem Aufsatz "Die fötalen Ursprünge der Geschichte" verschiedene Rituale in denen die Placenta eine große Bedeutung hat und Beispiele wie dieses Organ in Legenden oder abstrakter Zeichen umgestaltet wird. Ich stimme ihm zu, das vorgeburtliche Wahrnehmungen sich facettenreich in Kultäußerungen wiederspiegeln. Denn es dürfte inzwischen als erwiesen angesehen werden das der Fötus fähig ist vorgeburtliche Reize aufzunehmen, sich also sehr wohl auch ein Bild seiner Mutter von innen machen kann. Dieses Bild beschränkt sich meiner Meinung nach aber im visuellen Bereich auf die Wahrnehmung des Uterus als "Rotlichtmillieu", in dem die Placenta als einzelnes Objekt nicht mit den Augen erfaßt werden kann. Für mich ist die kulturelle Beachtung der Placenta viel stärker mit postnatalen Beobachtungen der Geburtshilfe verknüpft. Die Placenta muß im Modell des "fötalen Dramas" zwar als ein wesentlicher Teilaspekt der fötalen Umwelt bezeichnet werden, der Begriff "ernährender/vergiftender Uterus" würde für mich in diesem Modell aber besser die ganzheitlichen Wahrnehmungen des Fötus wiederspiegeln. 

Wenn wir einem Fötus in den letzten drei Monaten der Schwangerschaft die gleichen sinnlichen Fähigkeiten zu sprechen, wie sie an Frühgeborenen zu beobachten sind, ergibt sich folgendes Bild.
Der fötale Organismus kann hören, tasten und mit seinem Gleichgewichtsorgan Bewegungen registrieren. Gleichzeitig besitzt er alle Voraussetzungen um zu riechen, zu schmecken und zu schreien. Aber nicht alle Fähigkeiten können im mit Fruchtwasser gefüllten Mutterleib ausgeführt werden. Der Kehlkopf kann zum Beispiel unter Wasser keine Schallwellen erzeugen und die Nase nicht riechen. Die fötalen Augenlider können lange nicht geöffnet werden, weil sie im Wimpernbereich zusammengewachsen sind. Eine genaue Zeitbestimmung wann im Uterus eine Trennung der Augenlider normalerweise stattfindet habe ich in der Literatur nicht gefunden. Die Angeben schwanken zwischen dem 6.-8. Monat. Aber ich habe eine genauere Angabe über den Zeitpunkt gefunden von dem an die Augenpupillen reflexartig auf eine Veränderung der Lichtverhältnisse reagieren. Das soll ab der 35. Schwangerschaftswoche der Fall sein. Gleichzeitig sind die Augenbewegungen häufig noch unkoordiniert und wenn Gegenstände scharf erfaßt werden, dann nur in einem Augenabstand von 20-25 cm. Der Uterus ist sicherlich weit davon entfernt als ewige schwarze Höhle wahrgenommen zu werden. Vielmehr kann an strahlenden Sonnentagen, selbst durch die Bekleidung, genügend Licht in die Bauchhöhle einer Schwangeren fallen, damit es vom Fötus wahrgenommen wird. Ab der 35. Woche würde der Fötus damit die visuellen Fähigkeiten besitzen seine uterine Umwelt zu erblicken. Aber er dürfte zu diesem Zeitpunkt schon gar keinen Platz mehr haben, um einzelne Objekte differenziert zu betrachten, da durch die inzwischen eng anliegende mütterliche Hülle, seine Sicht ständig auf wenige cm beschränkt wird. In früheren Entwicklungsstadien hätte der Fötus bei genügend Licht vielleicht freie Sicht gehabt, aber da waren seine Augen noch verschlossen.
Schon im embryonalen Entwicklungsstadium (8. Woche) lassen sich Reaktionen auf Berührungen beobachten. Ich glaube das Tastwahrnehmungen es erst ermöglichen zwischen einem eigenem Körper und einer umgebenden Hülle zu unterscheiden. Immer wenn sich der Fötus selbst berührt, z.B. Hand und Fuß, dann werden an zwei Körperpunkten Nervenzellen gereizt und die davon ausgehenden Reizsignale gleichzeitig ans Gehirn weitergeleitet. Während die Reizung der fötalen Nervenzellen nur an einem Punkt stattfindet wenn die Hülle berührt wird. Ab der 16. Woche soll das Tastgefühl dann schon so weit entwickelt sein das der Fötus unterschiedliche Oberflächenstrukturen wahrnehmen kann. In einer Ultraschallaufnahme ist ein Fötus zu sehen der in der 22. Woche mit der Hand über die Placenta streicht. Das hervortretende pulsierende Adergeflecht der Placenta dürfte sich zu diesem Zeitpunkt deutlich von einer vergleichsweise glatten Oberfläche wie der gestrafften mütterlichen Bauchwand unterscheiden.
Wenn in steinzeitlichen Höhlen und Felsplatten sich nun ganze Wände finden lassen, deren Oberflächen mit tief eingravierten Strichen und Linien verziert sind, dann müssen diese Kultäußerungen nicht ausschließlich als sichtbares Zeichen geplant gewesen sein. Auch wenn wir diese Zeichen heutzutage vorrangig ansehen, könnten sie ursprünglich vielmehr als abtastbare Zeichen gedient haben.
Das Phänomen das Kultgegenstände in Ritualen auch vorrangig abgetastet werden, läßt sich in Australien nachweisen. Dort werden von Ur-Einwohnern Steinscheiben aufbewahrt die mit tief eingravierten Linien verziert sind. Die einzelnen Scheiben sind jeweils mit einer Legende verbunden, die von den eingeweihten Männern anläßlich bestimmter Rituale erzählt wird, wenn sie die mit Fett und Blut getränkte Scheibe abtasten. Obwohl die eingravierten Zeichen auch deutlich sichtbar sind haben sie scheinbar keine visuelle Aussage, sondern richten sich nur an den Tastsinn. Die australischen Ur-Einwohner erklären derartige rituelle Handlungen mit Vorgängen die sich in einer mystischen Vorzeit, der sogenannten Traumzeit, abgespielt haben. In ihren Ritualen sollen eingeweihte Männer die früheren Handlungen nachstellen. Die mystische Traumzeit soll aber nicht identisch sein mit den Schlafträumen die sie als Erwachsene haben. Der Begriff Traumzeit ist eine Wortschöpfung die am Anfang des 20. Jahrhunderts zuerst von Ethnologen benutzt wurde. Diese Ethnologen sind höchstwahrscheinlich nie davon ausgegangen, daß sich die Traumzeit auf vorgeburtliche Erlebnisse beziehen kann. Inzwischen gibt es aber Untersuchungen die belegen das sich die Schlaf- und Wachzustände von Föten in einem Punkt wesentlich von denen unterscheiden, die im späteren Leben auftreten.
Das Gehirn erzeugt in seiner normalen Funktion winzige elektrische Ströme die sich auf der Kopfhaut messen lassen. Anhand derartiger Hirnstrommessungen ist es möglich zu unterscheiden ob eine Person wach ist, schläft oder träumt. Denn jeder dieser Bewußtseinszustände zeichnet sich durch spezifische Wellenmuster aus. Der erste erkennbare Bewußtseinszustand, der sich bei Frühgeborenen aufzeigen läßt ist der REM-Schlaf, der sich durch ein Wellenmuster auszeichnet, das für Traumphasen typisch ist. Während eine 20 jährige Person mit einer Schlafzeit von 8 Std. durchschnittlich mehrere minutenlange ( REM-Schlaf ) Traumphasen hat, befindet ein Fötus sich in den letzten drei Monate anscheinend sogar stundenlang in Traumphasen. Ein termingerecht geborenes Baby schläft 16 - 18 Std. am Tag; die Hälfte davon ist immer noch REM-Schlaf. Es scheint sich also 1/3 der Tageszeit mit Träumen zu beschäftigen. Offensichtlich haben wir schon gelernt zu träumen bevor wir auf die Welt kamen. Welche Funktion die unterschiedlich ausgeprägten Traumphasen in der Entwicklung haben ist auch in der Schlaf- und Hirnforschung nicht vollständig geklärt. Aus meiner Sicht könnten zeitlich erweiterte Schlaf- und Traumphasen es dem Fötus erleichtern schmerzliche Schwankungen der Sauerstoff- und Nährstoffversorgung zu ertragen, wie sie im Modell des fötalen Dramas vermutet werden. Allerdings dürften traumatische vorgeburtliche Erlebnisse nicht vollständig verschlafen oder verträumt werden. Die in allen Kulturen zu findende Faszination für das Feuer, die sich in der christlichen Mythologie wohl am deutlichsten in einer imposant ausgeschmückten Vorstellung der Hölle wiederspiegelt, korrespondiert für mich zu deutlich mit den Wahrnehmungen die ein Fötus während seiner Wachphasen machen kann, nämlich in einem rotleuchtenden Raum eingesperrt zu sein und Mangel zu leiden. Genauso wie ich die christliche Phantasie der Hölle als Verklärung von vorgeburtlichen Erfahrungen deuten kann, läßt sich die Phantasie eines strahlend weißen Himmels in dem Milch und Honig fließen und die Wesen fliegen als Verklärung von Erfahrungen deuten, die im ersten Jahr nach der Geburt gemacht werden können. Das vom Neugeborenen wahrgenommene Licht ist nicht rot gefiltert, es gibt Muttermilch zu trinken und solange das Kind nicht laufen kann wird es immer wieder aufgehoben und getragen, was den Eindruck von Schweben erzeugen kann.
Nach meiner Interpretation geben die "Hemisphären" Himmel und Hölle also nur in verklärender Weise "Einbildungen" wieder, die wir schon am Anfang des Lebens kennengelernt haben und nicht Zufluchtsorte, denen wir angesichts des Todes gegenüberstehen. Wir hätten dann den Uterus nicht nur als Hort ewiger Freude kennengelernt, in den es sich lohnt zurückzufliehen, sondern zeitweilig als pränatale Hölle, in der wir wiederholt von gewaltigen Schmerzempfindungen erfaßt wurden. Diese Schmerzzustände haben eine Traumatisierung zur Folge, die für unsere Wahrnehmungen im späteren postnatalen Himmel prägend bleibt. Momente größter Angst, die im Leben immer wieder auftauchen, würden dann fälschlicherweise mit dem Tod assoziert. Die sprachlosen, verwirrten Spannungszustände fiebriger Erregung, bei gleichzeitigem krampfhaften, hilflosen Verharren des Körpers in einer "Schreckstarre" spiegeln keine "Todesangst" wieder, sondern sind Reminiszenzen an Reaktionsmuster, von denen Föten schon in vorgeburtlichen Streßsituationen erfaßt wurden. Wir fürchten unbewußt viel weniger eine Begegnung mit dem Unbekannten, wie z.B. dem Tod, als eine Wiederholung der ins Unbewußte verbannten Erlebnisse, wie der Geburt.

In dem Buch "Blutrituale- Ursprung und Geschichte der Lust am Krieg" vertritt Babara Ehrenreich die Position das keine der herkömmlichen kulturphilosophischen Theorien bisher ausreicht um die Faszination an kriegerischer Gewalt zu erklären oder die komplexen Gefühle die Menschen dazu bringen, Kriege quasi als religiöse Rituale in Szene zu setzen. Sie stellt nun eine eigene "Theorie der Gefühle" vor, bei der es vor allem die blutigen Opferrituale der Vorzeit sind, die Hinweise auf das wahre Wesen des Krieges liefern sollen. Ihrer Meinung nach versucht der Mensch, in dem Seelentheater der Kriegs-Rituale, eine Ur-Angst zu bewältigen, die sich aus der Erkenntniss ableitet, möglicherweise von übermächtigen Raubtieren als Opfer oder Beute gefressen zu werden.
In "Die Erschaffung der Götter- Das Opfer als Ursprung der Religion" scheint Gunnar Heinsohn einen ähnlichen Theorieansatz zu verfolgen, wenn er vermutet das ein angstgeplagtes Erleben von Umweltkatastrophen die Menschen erst dazu angestoßen hat, das Göttliche zu kreieren. Bei ihm ist die Ur-Angst aber mit kosmischen Verheerungen des Himmels, umgestürzten Bergen und unter Wasserfluten begrabenen Landstrichen verbunden. Die Überlebenden von frühzeitlichen Vulkanausbrüchen, Überflutungen und Meteoriteneinschlägen hätten ihre Panik aber weder durch Flucht, Angriff oder Verhandlungen bewältigen können. Verstört und umdüstert fanden die Geretteten in solchen Situationen Halt bei einzelnen, archetypischen Priestergestalten, die einen therapeutischen Ausweg lieferten: Wie Kleinkinder ließen sie das ganze Gemeinwesen die überwältigenden Eindrücke heilend nachspielen.
Beide, Ehrenreich und Heinsohn, setzen sich inhaltlich nicht direkt mit den psychohistorischen Theorien von deMause auseinander. Sie erwähnen ihn auch nicht in den Literaturlisten. Zumindestens Heinsohn dürfte aber die Schriften von deMause kennen, da er sich in anderen Zusammenhängen schon sehr polemisch gegen deMause geäußert hat. Vielleicht wollen Sie auch einem Einwand vorbeugen der sich aus dem monokausalem Grundkonzept des fötalen Dramas ergibt: das die von ihnen postulierten Ur-Ängste ebenfalls mit einem Geburtstrauma zusammenhängen. Die Angst vor großen Raubtieren, Erdbeben oder Flutkatastrophen kann sich erst Jahre nach, und nur in Verbindung mit, einer Reihe von Geburtserlebnissen im Individium entwickeln. Lange bevor wir als Kind überhaupt einen Unterschied zwischen einem Hasen und einem Tiger realisieren konnten, waren wir als Fötus ja schon wochenlang von einer eng anliegenden Hauthülle "verschluckt". In der Ur-Angst verschluckt zu werden spiegelt sich das Ur-Trauma verschluckt gewesen zu sein. Die Angst das Kometen und Meteoritenhagel denn Himmel blutrot verdunkeln könnten steht mit dem Trauma in Verbindung, schon einmal in einer blutroten Umwelt eingesperrt gewesen zu sein. Die traumatische Wahrnehmung von Geburtswehen kann den Grundstock für eine Angst vor Erschütterungen und Erdbeben gelegt haben. Die Angst vor Flutkatastrophen ergibt sich aus dem Wunsch nicht wieder vollständig vom Fruchtwasser eingeschlossen zu sein. Die kurzfristige Überwindung dieser Ur-Ängste in Ritualen, kann Lust bereiten und führt zu den zwanghaften Gemeinschaftsspielen früher Kulturen, die Krieg als Geburt oder Jagd als Geburt heißen. Das Grundmotiv der, aus einem Geburtstrauma entsprungenen, zwanghaften Lust am Krieg-Jagd lautet: Töte das Biest das dich umgibt und du kannst erneut in ein Himmelreich gelangen. Das Biest ist dabei aber immer nur der Stellvertreter für die frühere uterine Umwelt, die im Blutbad der Geburt verlassen wurde.
Ein Bezug zwischen Jagd und Geburt läßt sich in vorgeschichtlichen Felszeichen auch wesentlich deutlicher aufzeigen als eine Bedrohung durch Raubtiere oder Umweltkatastrophen. Es gibt Jäger die durch Linien mit anderen Personen verbunden sind . Eine gedankliche Verbindung mit der Nabelschnur drängt sich hier förmlich auf. An anderer Stelle bilden schwangere Frauen den Hintergrund von Jagdbildern. Es werden in Szenen auch Personen in Stellungen abgebildet, die typisch sind für Geburtsdarstellungen. Die gejagten Tiere sind oft mit großen Ornamenten belegt die Wunden oder auslaufendes Blut symbolisieren können.
Erwachsene Frauen besitzen die Möglichkeit ein verinnerlichtes Geburtstrauma, bei der Geburt ihrer Kinder, im eigenen Körper mit vertauschten Rollen erneut zu durchleben, und dabei graduell abzuschwächen. Das können Männer nicht. Aber diese ebenfalls von einem prä- und perinatalen Trauma geprägten Individuen scheinen in gemeinschaftlichen Jagd und Kriegserlebnissen eine Form der Ersatzbeschwichtigung ihrer Ur-Ängste gefunden zu haben. Das ist der Grund warum diese Tätigkeiten vorrangig von Männern betrieben werden. Das klassische Bild der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung, das Frauen Kinder kriegen und Männer Kriege machen, würde sich hier bestätigen, nur die klassische Begründung warum Frauen sich weniger aktiv an Kriegshandlungen beteiligen sollen, würde jetzt aufgehoben werden. Frauen ziehen nicht weniger oft in den Krieg weil sie Kinder kriegen müssen, sondern weil sie Kinder kriegen können und kriegerische Handlungen deshalb schlicht und einfach nicht so nötig haben wie die Männer. Die Blutbäder, die das größte Raubtier der Welt, seit der Steinzeit, immer wieder anrichtet, sollen nicht vorrangig unseren leiblichen Hunger stillen, denn wir könnten uns leichter mit pflanzlicher Nahrung ernähren, sondern den angespannten Seelenhaushalt befriedigen der sich aus einem fötalen Blutbedarf ergibt.

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